Fabian: Prozesstag 32

Prozesstag 32 – 08.10.2026

Psychologisches Gutachten durch den Sachverständigen Dr. Peter Keiper

Dr. Peter Keiper ist Oberarzt der forensischen Psychiatrie Rostock. Er hat die angeklagte dreimal im Gefängnis besucht, hatte volle Akteneinsicht und verfolgte ihr Verhalten an allen Prozesstagen. Seine Aufgabe ist es, einzuschätzen, ob tatsächlich eine psychische Störung bei der Angeklagten vorliegt und feststellen, ob sie zum Mord an Fabian überhaupt in der Lage sei. Sollte sie die Tat begangen haben, ist es seine Aufgabe, einzuschätzen, ob sie dazu in der Lage sei, ihr Handeln klar einzuordnen (Schuldfähigkeit).
Der Sachverständige gibt an, dass sich Gina H. stets kooperativ und freundlich verhalten habe, ging es jedoch um Fragen zur Tat selbst, sei sie still und zurückhaltend geworden und sich eher trotzig und instabil gezeigt. Sie habe vom ersten bis zum letzten Tag ihre Beteiligung an der Tat abgestritten. Im Rahmen der Gespräche über die Tat sei sie stets emotional distanziert gewesen und habe kaum Gefühle für den getöteten Jungen gezeigt. Für ihren eigenen Sohn und ihre Pferde zeigte sie jedoch echte Gefühle. Die Tatsache, dass das Jugendamt ihren Sohn in einer Pflegefamilie untergebracht habe, stört sie sehr.
Der Sachverständige diagnostiziert emotional-instabile Persönlichkeitszüge mit Tendenz zur Psychopathie. Ihr IQ sei mit 74 zwar unterdurchschnittlich, eine Intelligenzminderung, die für eine verminderte Schuldfähigkeit sprechen würde, ist damit jedoch nicht gegeben. Ihre Suizidversuche schätzt er nicht als tatsächlich suizidal ein, sondern eher nach einem Ruf nach Aufmerksamkeit. Dies bestätige sich auch dahin, dass Gina H. ihm gegenüber deutlich gesagt habe, dass sie nicht sterben wolle. Es falle ihr leichter, Beziehungen zu Tieren aufzubauen als zu Menschen. Sie habe keine Tendenzen dazu, Drogen zu nehmen oder Alkohol zu konsumieren.

Im Hinblick auf ihre Mutter zeigte sich Gina H. in den Gesprächen sehr abwertend. Sie gibt ihr die Schuld für ihre psychischen Erkrankungen und für ihr „versautes Leben“. Auch zu ihrer Schwester habe sie ein zerrüttetes Verhältnis. Bei ihren Großeltern habe sie sich umso wohler gefühlt, ihren Schulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung in einer Autolackiererei angefangen, die sie jedoch nicht zu Ende gebracht habe. .
Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung habe sie jahrelange therapeutische Unterstützung erhalten, in deren Rahmen ihr eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, Medikamente habe sie jedoch keine genommen.

Auch im Hinblick auf die Beziehung zu Matthias R. habe Gina H. stets davon gesprochen, dass die Probleme durch ihn verursacht worden seien. Sie gab zu, eifersüchtig zu sein, dies läge jedoch am Verhalten ihres nun wieder Partners. Alles in allem sei sie nicht dazu in der Lage, ihre eigenen Anteile an den Problemen in ihrem Leben zu erkennen (Externalisierung).

Dr. Keiper unterstützt die Diagnose der Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline, die durch das gestörte Verhältnis in der Ursprungsfamilie begünstigt wurde. Stimmungsschwankungen, mangelnde Impulskontrolle sowie das Bemühen, nicht verlassen zu werden, seien deutliche Merkmale dieser Störung. Gina H. sei in diesem Zuge auch stets darauf bedacht, ihren eigenen Vorteil im Leben zu suchen.
Zur Zeit der Tat sieht der Sachverständige die Persönlichkeitsstörung bei Gina H. als „moderat ausgeprägt“ an. Sie sei jederzeit in der Lage gewesen, Recht und Unrecht in vollem Umfang voneinander unterscheiden zu können.
Im Rahmen der Psychopathie-Checkliste habe Gina H. 22 von 40 Punkten erreicht. Ab 25 Punkten gilt man als Psychopath. Daher diagnostiziere Dr. Keiper bei ihr aber bereits psychopathische Tendenzen, die sich vor allem in ihren Lügen, ihrem manipulativen Verhalten sowie ihrem „parasitären Lebensstil“ bemerkbar machen.

Im Hinblick auf das Tatmotiv sieht der Sachverständige die von Gina H.s Standpunkt aus als ausweglos erscheinende Lage als ausschlaggebend. Da selbst ihr Suizidversuch nicht gewirkt hat, um Matthias R. zurückzugewinnen, musste sie etwas anderes versuchen. Er vermutet, dass sie Fabian als „störende und lästige“ Konkurrenz empfunden haben könnte, da sie Matthias R. mit ihm teilen musste. Da für Gina H. Liebe und Besitz gleichzusetzen sind, sieht er als Motiv ein Konstrukt aus Egoismus, Eifersucht und Rache. Es sei wichtig, zu erkennen, dass die Beziehung nichts mit Liebe, Kompromissbereitschaft und Toleranz zu tun habe, sondern lediglich mit Kontrolle und Bedürfnissen. Warum Matthias R. diese Beziehung so lange ausgehalten hat, sei für den Sachverständigen schwer erklärbar.

Auf Nachfrage des Richters, warum Gina H. die Leiche dann absichtlich gefunden hat, antwortet Dr. Keiper, dass es möglich sei, dass Gina H. die Zurückweisungen durch Matthias R. im Zeitraum der Ungewissheit nicht mehr ausgehalten habe. Matthias R. hatte mehrfach ihre Hilfe und ihre Unterstützung abgelehnt. Um diesen Schwebezustand gezielt zu beenden, habe sie die nächste Phase einleiten wollen.

Bei ihrem ersten gemeinsamen Gespräch sei Gina H. mit einem tiefen Ausschnitt und einer durchsichtigen, eng anliegenden Reiterhose erschienen und habe ein Foto gezeigt, auf dem sie gemeinsam mit Fabian und Matthias R. als glückliche Familie zu sehen gewesen sei. Dies habe der Arzt sofort als Manipulationsversucht erkannt. Er habe die Angeklagte darauf angesprochen, dass er ihre Kleidung als unpassend empfände, was Gina H. damit abgetan hätte, dass sie die Haftkleidung als „zu weit“ empfände. Er habe das Gefühl bekommen, dass sie als begehrenswert und kompetent angesehen werden wolle. In den gemeinsame Gesprächen habe sie zweimal geweint, einmal, als es um den Tod ihres Lieblingspferds Tiffy ging und einmal, als sie erfuhr, dass ihr Sohn J. nun in einer Pflegefamilie untergebracht sei. Im Hinblick auf die Tat sei sie derart emotionslos gewesen, dass es selbst für den erfahrenen Psychiater erstaunlich gewesen sei. Er schreibt dies ihrer psychopathischen Tendenz zu.

Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft gibt Dr. Keiper an, dass Gina H. die Manipulierende sei und nicht die Manipulierte. Sie habe insgesamt fünf Männer in ihrem Leben, die für sie für ihre verschiedensten Bedürfnisse an sich gebunden habe.

Die Verteidigung zweifelt das vom Sachverständigen vorgebrachte Motiv im Hinblick darauf an, dass die Beziehung von Matthias R. und Gina H. lange mit beiden Kindern funktioniert habe. Dr. Keiper antwortet, dass es sich lediglich um eine Hypothese handele. Diese stütze er auf die Erzählungen von Gina H. bezüglich der Trennung von Matthias R. am 13. August 2025, bei der er seine Sachen aus der Wohnung geräumt und den Schlüssel zurückgelassen habe. Dies habe Gina H. als final interpretiert. Auf spätere Wiederannäherungen oder Wiederaufnahmeversuche der Beziehung sei sie in den gemeinsamen Gesprächen nicht derart intensiv eingegangen wie auf diesen besonderen Tag. Für die Verteidigung ist es ein besonders wichtiger Faktor, dass Gina H. Matthias R. nach einem von ihm ausgehenden Wiederannäherungsversuch am Abend des 09. Oktober von sich aus vor die Tür gesetzt und blockiert habe. Dies bestätige, dass Gina H. die Trennung ebenfalls gewollt habe.
Zudem weigert sich Thomas Löcker die Diagnose der Tendenz zur Psychopathie anerkennen zu lassen. Er sieht einen marginalen Unterschied zwischen pathologischem Lügen und dem von Gina H. strategisch eingesetztem Lügen, da man sie einer schweren Straftat bezichtigt. Der Sachverständige bekräftigt, dass Gina H. sich eine eigene Welt erschaffen habe, was mit strategischem Lügen nichts mehr zu tun habe. Zudem sieht er ihr manipulatives Verhalten als auffällig an.

Der Prozesstag ist beendet.

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